„Mein Job ist eigentlich jetzt gemacht. Jetzt müsste ich nur noch stur abarbeiten.“
Das hat eine Kundin in unserem ersten Gespräch zu mir gesagt. Ohne Klagen, fast nüchtern. Sie war viele Jahre im selben Unternehmen, hat sich vom Einstiegsposten bis in die Leitung hochgearbeitet und dabei einen Bereich aufgebaut, den es vorher so nicht gab. Prozesse entwickelt. Strukturen geschaffen.
Und jetzt steht das alles.
Der Satz ist bezeichnend. Er beschreibt etwas, das viele erfolgreiche Frauen erleben und kaum eine so offen ausspricht: Ein Job kann fertig sein, lange bevor du ihn verlässt.
Woran du merkst, dass dich dein Job nicht mehr fordert
Eine neue Kollegin wird eingearbeitet, und beim Erklären merkst du, wie jeder Satz sitzt. Jede Abkürzung, jede Eigenheit im System. Du musst kein einziges Mal nachdenken.
Im Meeting kennst du die Antwort, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
Beim Mitarbeitergespräch lesen sich deine Ziele fürs neue Jahr wie eine Kopie vom letzten.
Und wenn die neue Unternehmensstrategie mit großer Bühne vorgestellt wird, nickst du höflich und notierst dir das Wichtigste. Früher hättest du dir in so einer Präsentation ausgemalt, welche Rolle du in dieser Zukunft spielst. Heute fehlt dieses Bild einfach.
Das fühlt sich erstmal gut an. Du bist sicher in dem, was du tust, und du bist ja auch wirklich gut darin.
Wann hast du in diesem Job zuletzt etwas gelernt, das dich wirklich gefordert hat?
Bei vielen Frauen, mit denen ich spreche, ist die ehrliche Antwort: schon eine ganze Weile her.
Warum du das so lange übersiehst
Solange du etwas aufbaust, bist du mit dem Aufbauen beschäftigt. Jeden Tag gibt es etwas Neues zu lösen und zu entscheiden. Wie du eigentlich zu den Routinen und zum Tagesgeschäft stehst, fällt dabei kaum auf. Die Aufbauarbeit deckt es zu.
Erst wenn der Aufbau fertig ist, taucht die Frage auf. Oder wenn er wegbricht. Bei meiner Kundin kam beides zusammen: Ihr Team wurde verkleinert, und aus der gestaltenden Leitung wurde Stück für Stück Abwicklung.
Aus Sicht des Unternehmens ist so ein Fall oft klar. Der Bereich ist aufgebaut, jetzt läuft er, also braucht er auch weniger Leute und weniger Steuerung.
Aus deiner Sicht endet damit die Aufgabe, die dich am meisten gefordert hat. Beide Sichtweisen stimmen. Deshalb merkt im Unternehmen oft lange niemand, dass die Person, die das alles aufgebaut hat, innerlich schon beim nächsten Kapitel ist.
Gleicher Titel, anderer Job
In deiner E-Mail-Signatur steht derselbe Jobtitel wie vor drei Jahren. Im Organigramm hat sich nichts verändert.
Die Arbeit dahinter hat sich trotzdem verschoben. Vom Gestalten zum Verwalten. Vom Entscheiden zum Abarbeiten.
Weil dabei kein neuer Vertrag unterschrieben wird, gibt es auch keinen Tag, an dem du dich bewusst dafür entscheidest. Der Wechsel passiert Aufgabe für Aufgabe. Auf dem Papier bleibt alles gleich, und so fällt er lange niemandem auf, manchmal nicht einmal dir selbst.
Unterforderung, Boreout oder etwas anderes?
Wer nach diesem Gefühl sucht, tippt oft „keine Herausforderung mehr im Job“ ein und landet bei Begriffen wie Unterforderung oder Boreout. Beide beschreiben einen Zustand mit zu wenig Anspruch und zu viel Leerlauf.
Die Frauen, mit denen ich arbeite, haben meistens einen vollen Kalender. Meeting, Abstimmung, Statusupdate, nächstes Meeting. Und am Abend trotzdem das Gefühl, dass nichts davon wirklich gezählt hat.
Wann ist ein Job eigentlich fertig?
Ein Job ist fertig, wenn die Aufgabe erledigt ist, für die du ursprünglich gebraucht wurdest. Das kann Jahre vor einer Kündigung passieren. Oft passiert es, ohne dass es jemand merkt.
Darin steckt auch etwas Gutes. Du hast etwas zu Ende gebracht. Das steht in keinem Arbeitszeugnis und ist trotzdem der Grund, warum sich dein Alltag gerade so anders anfühlt.
Was deine Weiterbildungen dir verraten
Eine Kundin hat über die Jahre immer wieder etwas dazugelernt. Kreatives und Handwerkliches, oft mit Menschen. Alles neben ihrem Job, der theoretisch blieb und sich vor allem am Bildschirm abspielte.
Auf dem Papier war das eine Weiterbildung nach der anderen. Wenn sie heute darauf schaut, sieht sie eine Landkarte davon, wonach sie eigentlich sucht.
Warum eigentlich immer neben dem Job und nie darin? Diese Frage hat sie sich lange nicht gestellt.
Schau mal auf deine eigenen letzten Kurse oder Bücher. Welches Thema taucht da immer wieder auf, das in deinem Job keinen Platz hat?
Was wärst du bereit herzugeben?
Auf die Frage, wie ihr Berufsleben in fünf Jahren aussehen soll, hatte meine Kundin eine erstaunlich konkrete Antwort. Kreativ. Viel Gestaltungsspielraum. Ein tolles Team. Ein Büro darf es dabei ruhig bleiben.
Das klingt nach einem großen Schritt und ist bei näherem Hinsehen ziemlich bodenständig. Sie will wieder etwas zu gestalten haben.
Dafür wäre sie auch bereit, etwas herzugeben. Gehalt, Status, vielleicht die Führungsrolle. Leicht ist das nicht, denn in dem, was sie jetzt infrage stellt, stecken Jahre ihrer Karriere.
Ihre Frage an sich selbst lohnt sich trotzdem für jede, die an diesem Punkt steht: Was von alldem ist mir wirklich wichtig, und was war nur wichtig, weil es dazugehörte?
„Passt schon“ beendet das Gespräch, bevor es anfängt
Hast du bei einigen dieser Szenen innerlich genickt? Dann kommt wahrscheinlich als Nächstes ein Satz, den fast alle kennen: „Passt schon.“
Zwei Worte, und das Gespräch mit dir selbst ist vorbei, bevor es richtig angefangen hat.
Du brauchst keinen handfesten Grund und keine Krise, um dir einzugestehen, dass ein Job für dich fertig ist. Ob du danach bleibst oder etwas ganz anderes machst, entscheidest du. Vorher lohnt sich die ehrliche Frage: Wofür wirst du hier eigentlich noch gebraucht?
Mehr zu dem Gefühl, dass ein sicherer Job trotzdem nicht reicht, findest du in meinem Artikel Sicherer Job, aber unzufrieden.
30 Minuten für deinen nächsten Schritt
Merkst du, dass dein Job fertig ist, und weißt noch nicht, was danach kommt? In einem 30-minütigen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam auf deine Situation. Danach entscheidest du, ob du den weiteren Weg mit mir gehen möchtest.
